Gar nicht so Lost Place: Sunbeam Imp
Viele Wassersportler, Camper, Wanderer und andere Erholungssuchende werden ihn kennen – den orange-roten Sunbeam Imp. Der steht, wenn man es weiß, ganz öffentlich zugänglich an den Gestaden eines weststeirischen Stausees, der von oben genannten Freizeitgenießern in den wetterfreundlicheren Jahreszeiten gut genutzt wird.
Auf der Suche im Winter
Komme ich einmal dorthin, ist natürlich Winter. Der sonst aufgestaute See ist – wie selbstverständlich – ausgelassen und wird dringend notwendigen Wartungsarbeiten unterzogen. Nur ein schmales Rinnsal schlängelt sich durch das, was sonst ein stattlicher See ist. Man sieht bis auf den Grund, wo Traktoren Äste und ganze Bäume bergen und diese geräuschvoll entlang der Uferstraße ablegen.
Auf den Imp bin ich gekommen, nachdem ich in der Instagram-Story einige Bilder gepostet hatte, die den Waldfund des Moretti 1300 Coupés dokumentierten, den ich vor einigen Jahren entdeckt habe. Auf solche Posts kommen immer wieder mal Infos zu anderen, irgendwo im Wald, auf verlassenen Bauernhöfen oder in Werkstätten zurückgelassenen Fahrzeugen. Im konkreten Fall hat mir Linde geschrieben – und gleich ein Bild mitgeschickt. Danke, Linde!
Also raus aus der grauen, nebelverhangenen Stadt, um auf den leeren Stausee zu starren. Aber wegen der Sehenswürdigkeit des Wassersportparadieses war ich nicht hier. Mein klares Ziel: den Imp finden und bildlich festhalten. Also rein in die Wanderhose, dicke Socken, feste Outdoorschuhe und warm eingepackt. Im Rucksack landeten eine Wasserflasche, ein Notfall-Energieriegel und die Canon mit der Allzweckwaffe 18–150 mm darauf.
Der Berg ruft!
Von Graz aus ist man in etwas über einer halben Stunde am Berg und am Ufer des Sees angekommen. Einen Parkplatz in der Nähe der Stauseemauer gesucht, rein in die warme Jacke und eine Mütze, die das Haupthaar bedeckt – und los geht’s. Laut Wegbeschreibung kann man den See nicht ringsum befahren, die Sackgassen-Beschilderung deutet ebenfalls darauf hin. Also geht es mit flottem Schritt entlang des Ufers. Man staunt, wie viel hier im Sommer los sein dürfte, wenn man sieht, was es rund um den See an Ferienhäusern, Bootsvereinen und Gastronomiebetrieben gibt. Dazu einen Campingplatz, der auch teilweise von Wintercampern bevölkert ist.
Mission Orange
Jeder hat sein Hobby und seine Mission im Leben. Meine heute: ein kleines orange-rotes Auto finden und als Lichtbild festhalten. Und es ist ein feiner Spaziergang rund um den leeren See. Spätestens als ich denke, der Imp steht nicht mehr an der Straße, entdecke ich ihn endlich. Schön prominent neben der Straße, man kann ihn nicht übersehen – leuchtet er schon von Weitem. Aber bevor ich den Imp erreiche, stolpere ich noch über einen mittelblauen Morris Minor, der nur wenige Meter davor an der Uferstraße abgestellt ist. Und weil ein Minor natürlich nicht reicht, steht neben einem Schuppen noch ein zweiter. Der Braune sieht deutlich mitgenommener aus als der Blaue. Den beiden Minors werde ich noch eine eigene Fotostrecke widmen.
Mein Hauptaugenmerk liegt aber beim Imp – der, fälschlicherweise angenommen, gar kein Hillman ist, sondern ein Sunbeam. Das liegt an den verworrenen Verknüpfungen innerhalb der englischen Autoindustrie. Da blickt keiner so genau durch.
Die Rootes Group: Der britische Auto-Konzern, den heute kaum noch einer kennt
Die Rootes Group war mal eine richtig große Nummer im britischen Automobilgeschäft – quasi eine Sammelstelle für einige der bekanntesten britischen Automarken des 20. Jahrhunderts. Angefangen hat alles mit zwei Brüdern, einer Menge Geschäftssinn und dem Traum, nicht nur Autos zu verkaufen, sondern sie auch selbst zu bauen. Was daraus wurde? Eine spannende Geschichte voller legendärer Autos, großer Erfolge und einem ziemlich unrühmlichen Ende.
Wie alles begann: Die Wurzeln von Rootes
Die Geschichte der Rootes Group startet mit den Brüdern William und Reginald Rootes, die 1913 im britischen Kent einen Autohandel aufmachten. Ziemlich schnell merkten sie, dass der Handel mit Autos gut läuft – aber noch besser wäre es, eigene Marken unter Kontrolle zu haben. Also machten sie das, was man damals eben so tat: Sie kauften sich in verschiedene britische Autohersteller ein und bauten nach und nach eine echte Automobilgruppe auf. Bis in die 1930er Jahre hatten sie es geschafft, mehrere britische Marken unter einem Dach zu vereinen – und die Rootes Group war geboren.
Welche Marken gehörten zur Rootes Group?
Die Rootes Group war ein echtes Sammelbecken für britische Autoikonen. Hier die wichtigsten Marken, die Teil des Konzerns waren:
1. Hillman (1907–1976)
– Spezialist für alltagstaugliche Autos, berühmt für den Hillman Minx und später den Hillman Imp
2. Humber (1896–1976)
– Die Edelmarke im Rootes-Portfolio, bekannt für luxuriöse Limousinen wie den Humber Super Snipe
3. Sunbeam (1901–1976)
– Die sportliche Marke der Gruppe, mit Highlights wie dem Sunbeam Alpine und dem Sunbeam Tiger
4. Singer (1905–1970)
– Fokussiert auf kleine, aber feine Fahrzeuge, darunter der Singer Gazelle
5. Commer (1905–1979)
– Die Nutzfahrzeug-Sparte mit legendären Transportern wie dem Commer FC Van
6. Karrier (1908–1977)
– Hersteller von Lkw und Kommunalfahrzeugen
Die goldenen Jahre – und der langsame Absturz
In den 1940er und 1950er Jahren lief alles rund für Rootes. Ihre Autos verkauften sich gut, sie hatten ein solides Image, und die britische Regierung war ein wichtiger Kunde – besonders während des Zweiten Weltkriegs, als Rootes militärische Fahrzeuge baute.
Doch dann ging es langsam bergab:
– Die Modelle wurden immer langweiliger, Innovation war Mangelware
– Finanzielle Probleme setzten dem Unternehmen zu
– Der Wettbewerb wurde stärker, vor allem aus Deutschland und Japan
– Und dann gab es noch die Streiks und Produktionsprobleme, die das Ganze nicht besser machten
1964 stieg Chrysler mit 30 % ein, und 1967 übernahm der US-Konzern Rootes vollständig. Von da an hieß die Rootes Group offiziell Chrysler UK.
Das endgültige Ende der Rootes Group
In den 1970er Jahren wurde schnell klar: Chrysler hatte keinen echten Plan, was sie mit den britischen Marken anfangen sollten. Die Verkäufe brachen weiter ein, und die Qualität der Autos war nicht mehr das, was sie mal war. 1978 hatte Chrysler die Nase voll und verkaufte die gesamte europäische Sparte an Peugeot.
Was passierte mit den Marken?
– Hillman wurde eingestellt (die letzten Modelle liefen als Talbot aus)
– Sunbeam überlebte noch kurz als Talbot Sunbeam, bevor die Marke ebenfalls verschwand
– Humber und Singer wurden in den 1970ern eingestampft
– Commer wurde mit Dodge UK fusioniert und ging später in Renault Trucks auf
Kurz gesagt: Die Rootes Group verschwand von der Bildfläche und die einst so stolzen britischen Marken lösten sich langsam auf.
Eine britische Legende, die fast vergessen ist
Die Rootes Group war einst einer der wichtigsten britischen Automobilhersteller und brachte echte Klassiker auf die Straße. Doch wirtschaftliche Probleme, fehlende Innovationen und schließlich die Übernahme durch Chrysler besiegelten ihr Schicksal. Heute erinnert kaum noch jemand an Rootes – aber einige der Autos, die unter diesem Namen gebaut wurden, haben Kultstatus. Sei es ein Hillman Imp, ein Sunbeam Alpine oder ein Humber Super Snipe – sie sind die letzten Überbleibsel einer einst großen britischen Automobilfamilie. Jetzt haben wir Infos zur Rootes Group, aber was war mit dem Hillman Imp & seine Verwandten?
Der britische Zwerg mit Kultstatus
Der Hillman Imp (1963–1976) war Rootes’ Antwort auf den Mini: Heckmotor, Alu-Motorblock, aufklappbare Heckscheibe, leicht und spritzig. Doch Qualitätsprobleme und ungeschickte Vermarktung verhinderten den großen Erfolg.
Trotzdem gab es spannende Derivate:
– Singer Chamois – die luxuriöse Variante mit mehr Chrom
– Sunbeam Imp Sport & Stiletto – sportlich mit mehr PS und flottem Design
Hillman Husk – ein Hochdach-Kombi auf Imp-Basis
Commer Imp Van – die Lieferwagen-Version für kleine Gewerbe
Der orange Imp
In der Nacht vor meinem Besuch muss es leicht geschneit haben, denn die Fahrzeuge haben einen Hauch von Schnee auf ihren Karosserien liegen. Das macht es mir nicht leicht herauszufinden, wie lange der kleine Kobold (die deutsche Übersetzung von „Imp“) schon an den Gestaden des Stausees verweilt. Dank der auf der Windschutzscheibe angebrachten §57a-Plakette – vulgo „Pickerl“ – lässt sich der Zeitraum aber eingrenzen: Irgendwann zwischen 1987 und 1993 wurde die Plakette zum letzten Mal erneuert, was auf eine über 30-jährige Standzeit schließen lässt.
Wohl nicht die ganze Zeit hier an diesem Platz, sonst hätte er im Laufe der Jahrzehnte wohl mehr Moos angesetzt. Wie immer bei solchen Standuhren wäre es interessant, die Geschichte dahinter zu erfahren. Einen Anhaltspunkt habe ich bereits: Jürgen, ein Facebook-Freund und Multi-Fahrzeugliebhaber, meinte, nachdem er ein Bild vom orange-getünchten Imp gesehen hatte, dass es einst seiner gewesen sein könnte. Er hätte ihn damals in genau dieser Farbe lackieren lassen – die, wie er meinte, eindeutig keine Originalfarbe von Sunbeam war.
Auf alle Fälle werde ich, wenn ich mich das nächste Mal an den Packer Stausee verirre, mich umhören, ob jemand Näheres zum englischen Kleinwagen weiß.
Mehr Lost Places findest du in der gleichnamigen Rubrik hier im Blog.

Gründer von Alltagsklassiker, mit großer Schwäche für gut gereifte japanische Fahrzeuge, Prospekte und Modellautos; Fotograf, Leseratte, bewegt Mazda MX-5 NA V-Special, Mazda 818 Sedan de Luxe, Puch Clubman und Puch Maxi L.